Mit welcher Pace kommt die
Quarter-Life-Crisis?
Es gibt zwei Arten von Menschen, die sich für einen Halbmarathon anmelden. Die, die gerne laufen. Und die, die nicht wissen, wer sie noch alles sein wollen.
Diese Geschichte handelt von der zweiten Gruppe.
Meistens beginnt es zwischen dem 23. und dem 29. Lebensjahr. Der Abschluss liegt wie eine abgehakte Aufgabe hinter einem. Man ist gefangen zwischen der Frage, ob nun der Einstiegsjob kommen soll, oder ob man lieber noch einen weiteren Abschluss machen sollte, um sich dieser Frage noch nicht annehmen zu müssen und der einzige Moment, in dem man sich lebendig fühlt, ist der kurze Schreck, wenn das Konto in der Mitte des Monats zu früh leer ist.
Willkommen in der Quarter Life Crisis.
Und herzlich willkommen auf den Anmeldeseiten der (Halb-)Marathons.
Der Halbmarathon ist für viele Menschen heute das, was früher Karriere oder ein Eigenheim waren: eine Maßeinheit dafür, dass man alles im Griff hat. Oder zumindest im Griff haben kann, für genau 21,0975 Kilometer.
KM 0–5: Der Akt der Registrierung als Selbsttäuschung
Die Anmeldung kostet zwischen 50 und 100 Euro, je nach Stadt, Lage und eigenem Leidensdrang. Teurer als das geht vermutlich auch, ist für den Einstieg in das Hobby dann aber wohl doch etwas übertrieben. Die Anmeldung erfolgt meistens um 23:47 Uhr, nach dem dritten Glas Wein oder dem zweiten Reels-Scroll durch Fitness-Content. Man trägt die Kreditkartendaten ein mit dem Gefühl, eine Version von sich selbst zu buchen, die man gerne noch wäre: diszipliniert, körperbewusst, jemand mit Routine und Long Runs statt Kater am Sonntagmorgen.
Die Anmeldung ist eine Hypothese: Was, wenn ich der Typ Mensch sein könnte, der das kann?
KM 5–14: Das Training oder auch Schmerz als Struktur
Training ist seltsam befriedigend für Menschen, die sonst das Gefühl haben, ihre Arbeit zahlt sich nicht so aus, wie sie sollte. Die erste 10-Kilometer-Runde vermittelt tatsächlich einen linearen Zusammenhang zwischen Einsatz und Ergebnis. Man läuft, man wird besser. Das passiert doch sonst kaum noch wo. Diese erst 75 (und dann nur noch 65!) Minuten werden zu der Zeit des Tages, in der das eigene Gehirn nicht gleichzeitig 14 Tabs geöffnet hat.
Das Laufen wird gefüllt mit Podcasts oder Playlists, die man „schon lange hören wollte“, und man fühlt sich langsam wirklich wie die bessere Version seiner selbst, die seit 2016 “mehr Sport machen” auf die Liste mit Neujahrsvorsätzen schreibt.
KM 15: Der wichtigste Long Run vor dem Wettbewerb
Instagram-Athleten und Bekannte, die zufällig ja alle auch schon mal einen Halbmarathon gelaufen sind, erzählen einem dann in der Vorbereitung, dass man echt nur 1-2 Mal 15km laufen muss, und dann schafft man den Rest am Wettkampftag sowieso. Und weil man diese 15 Kilometer dann ja auch echt ganz gut schafft, googelt man noch am selben Abend: “Wie lange dauert eine Vorbereitung für einen ganzen Marathon?” und “Weitere Halbmarathons in Europa”. Vielleicht bin ich ja jetzt diese Person, die ihre Urlaube um ein sportliches Event plant.
Der Tag des Rennens
Am Renntag stehen Menschen zusammen, die sich sonst nie treffen würden: 62-jährige Vereinssportler mit Neonlaufschuhen, der Sunday Morning Running Club, die 40-jährige Bürokauffrau, die “sowas ja schon immer mal machen wollte”, die komplette Leichtathletik-Leistungsgruppe und eben all die, die sich diesen Halbmarathon übermütig vorgenommen haben, das Training dann jedoch soweit ignoriert haben, dass sie kein Teil mehr des Sunday Morning Running Club geworden sind. Es ist eine der Situationen, in denen der Background vollkommen irrelevant wird. Was zählt sind die Beine, und ob sie durchhalten.
Ab Kilometer 16 passiert etwas Merkwürdiges. Die anfängliche Energie ist weg, das Ziel noch weit, und du merkst dann doch, dass du so eine Distanz noch nie in deinem Leben gelaufen bist (die Instagram-Athleten und Freunde haben dich nämlich angelogen), aber der Körper kommt in ein nüchternes Weiterrollen. Man denkt nicht mehr an die Frage, ob das hier wirklich die richtige Stadt, der richtige Job, das richtige Leben ist. Man denkt nur daran, einen Fuß vor der anderen zu setzen.
Zugegeben, manchmal denkt man auch: “Warum hat mich keiner abgehalten, und warum sind die letzten Kilometer hier die längsten 5 Kilometer, die ich je gelaufen bin”. An die Tagträumerei eines Tages mal einen Marathon laufen zu wollen, denkt man definitiv nicht. Das kommt dann erst wieder, wenn der Schmerz vergessen ist.
KM 19–21,1: Die Auflösung
Was am Ziel wartet, und was nicht. Der Halbmarathon löst keine Krise. Er verschiebt sie für ein paar Wochen, vielleicht Monate. Danach ist man immer noch 24 oder 27, immer noch unsicher, wo das alles hingehen soll, immer noch am googeln von Sprachkursen, die man nie macht, und Berufsfeldern, in die man nie wechselt.
Aber die Finisher-Medaille hängt an der Tür. Und die erinnert einen dann doch daran, dass der Halbmarathon ein Beleg für das eigene Durchhaltevermögen ist. Für die Fähigkeit, sich etwas vorzunehmen, das unangenehm wird, und nicht aufzuhören, nur weil man keine Lust mehr hat. Für eine Generation, der ständig erzählt wird, sie sei zu weich, zu anspruchsvoll, zu kurzatmig, und die das manchmal selbst glaubt, ist dieser Beleg vielleicht doch etwas wert.
Der Halbmarathon antwortet nicht auf die Frage “Wer bin ich?” und “Wohin mit mir?”, aber er zeigt, dass man 21 Kilometer mit diesen Fragen im Gepäck laufen kann.
Zuletzt noch meine wertvollsten Tipps und Hinweise, als eine der Bekannten, die zufällig ja auch schon mal einen Halbmarathon gelaufen ist: Ein Trainingsplan, der 3 Wochen ignoriert wird, ist trotzdem besser als keiner, die Energiegels werden euch weniger Energie geben als erhofft (besonders ab Kilometer 16) und ja, die Blasen sind real, aber sie vergehen.
