Girlhood
Über Schleifen, Pastell und die Solidarität zwischen Frauen.
Kennst du das Gefühl, wenn eine fremde Frau in der Clubtoilette auf dich zukommt und dir sagt, dass dein Top richtig gut aussieht? Oder dich fragt, ob alles okay ist, weil sie merkt, dass du gerade deine Freundinnen verloren hast? Einfach so, ohne Hintergedanken.
Es gibt kaum etwas, über das so viel gesprochen und gleichzeitig so wenig nachgedacht wird wie über Beziehungen zwischen Frauen. Zwischen Klischees von Zickenkrieg und Konkurrenz und all den „Girls support Girls“-Posts auf Instagram liegt eine Wirklichkeit, die viel leiser ist.
Sich gegenseitig die Haare locken, zusammen das neueste Café testen, zu Olivia Dean mitsingen, Ballerinas tragen, über Männer herziehen und an alles eine Schleife binden, im Zweifel auch an die Männer.
Girlhood beschreibt eine emotionale Erfahrungswelt. Das Aufwachsen als Mädchen, das Zusammenleben als Frauen und alles, was dazwischen entsteht.
Lange wurde dieser Raum belächelt. Klatsch, Drama, Mädchenkram. Als wären die wochenlangen Analysen einer einzigen Textnachrichten kein Hochleistungssport für sich. Die heutige Idee von Girlhood entstand aus einer Geschichte, in der Frauen oft wenig Freiheit und Selbstbestimmung hatten. Freundschaften zwischen Frauen wurden deshalb zu Schutzräumen. Zu Orten von Verständnis, Unterstützung und Nähe.
Gleichzeitig galt vieles, was als weiblich wahrgenommen wurde, als oberflächlich. Emotionalität, enge Freundschaften, Pink, Mode oder stundenlanges Reden. Girlhood macht genau das heute bedeutungsvoll. Es geht nicht darum, „mädchenhaft“ zu sein, sondern Weiblichkeit selbst definieren zu dürfen. Und manchmal bedeutet das Rosa. Und manchmal bedeutet das, um Mitternacht wütend über Systemfehler zu diskutieren. Beides gleichzeitig ist auch erlaubt.
Vielleicht erklärt auch das, warum viele Frauen bewusst zu dieser Ästhetik zurückkehren. Schleifen, Rosa, „Girl Dinner“, und es ist der zusammengewürfelte Snack-Teller aller Zeiten, oder „Girl Math“, mit der man sich überzeugend erklärt, warum der Kauf eigentlich eine Investition war, und mit PayPal-Guthaben auch noch umsonst. Das Wort „Girl“ wurde zu einem kleinen Trotz gegen eine Welt, die von Frauen verlangt, möglichst früh, möglichst vernünftig zu sein.
Doch Unterstützung zeigt sich nicht nur in großen Gesten. In Demonstrationen oder im kollektiven Aufschrei. Meistens passiert sie in Momenten, die niemand einfängt und die trotzdem bleiben. Sie ist die Freundin, die dir um zwei Uhr nachts antwortet und die Kommilitonin, die dafür sorgt, dass du gehört wirst, auch wenn der Raum es dir gerade nicht leicht macht.
Frauen haben schon immer Räume füreinander geschaffen, lange bevor Social Media Worte dafür hatte. In Küchen, in Briefen, in Hinterzimmern und in diesen kurzen Blicken zwischen zwei Frauen, wenn ein Mann im Raum wieder einmal nicht zugehört hat.
Peak-Girlhood-Momente
Die fremde Frau auf dem Konzert, die erst dich ansieht, dann den Mann, der zu nah steht, und sich einfach zwischen euch stellt. Die Gruppenkonversation um 23:47 Uhr, in der jemand schreibt: „Ich bin gerade so am Ende“ und innerhalb von Minuten sieben Antworten kommen, drei Voice Messages und ein Sticker, der irgendwie genau passt. Zusammen in der Küche zu alten Liedern tanzen, bis man vergessen hat, warum man überhaupt traurig war, und dann doch noch mal kurz weinen, aber jetzt zusammen, was irgendwie besser ist. Der Blick zwischen zwei Frauen in einem Raum, wenn ein Mann etwas sagt, das nicht okay ist. Gemeinsam eine Entscheidung treffen, die objektiv keine gute Idee ist und sie trotzdem durchziehen, weil man zusammen scheitert und das auch zählt. Alle Freundinnen bei „Wo ist?“ hinzufügen, weil man wissen will, dass alle gut nach Hause gekommen sind.
Und vielleicht sind weibliche Freundschaften sowieso die eigentliche Liebesgeschichte des Lebens. Nicht als Trostpreis für gescheiterte Romanzen, sondern als Haupthandlung. Als die längsten, stabilsten, ehrlichsten Beziehungen im Leben.
Die Freundin, die seit zehn Jahren weiß, was dein Lieblingsgetränk ist, wie du klingst, wenn du lügst und warum du bei diesem einen Lied immer noch weinst. Eine Nähe, für die romantische Beziehungen oft die besseren Worte, aber nicht unbedingt die größere Tiefe haben.
Romantische Liebe hat gute PR: Blumensträuße, Kinofilme und eigene Spotify-Playlisten. Freundschaft hat gleiche Armbänder und siebenminütige Sprachnachrichten, die mit „Ich mach’s kurz“ anfangen und es nie sind. Dabei sind es oft genau diese Freundschaften, die bleiben, wenn sich alles andere verändert.
Vielleicht ist das der ehrlichste Teil von Girlhood: Dass Frauen füreinander eine Form von Liebe entwickeln, die in keine feste Kategorie passt.
Am Ende ist Girlhood kein Trend, sondern die Frage: Welche Strukturen haben Frauen immer schon füreinander gebaut und was wären wir, wenn niemand uns gesagt hätte, wie man zu sein hat. Die Schleifen sind nur die sichtbare Antwort. Was dahinter steckt, ist größer. Also binden wir uns die Schleife. Oder auch nicht. Aber entscheiden wir selbst darüber. 🎀
