Kein Feierabend, Wochenende und Abschalten
Timo ist 24. Er studiert im sechsten Semester und hat heute Morgen dreimal aufs Handy geschaut, bevor er aufgestanden ist.
Das Studium gilt gemeinhin als die freieste Phase des Lebens: keine festen Arbeitszeiten, kein Vorgesetzter, der um neun die Anwesenheit prüft, keine Überstunden, die man nicht selbst verschuldet hat.
Auf der anderen Seite Studiengruppen, deren WhatsApp-Chat um 23 Uhr noch aktiv sind und das Erwarten von Seminar-Mails, die erfahrungsgemäß auch sonntags kommen können. Und dann natürlich noch der Versuch an einem Freitagabend nicht zu schauen, was auf Instagram passiert, obwohl alle anderen offenbar irgendwo sind, wo man auch hätte sein müssen.
Sperrbildschirm – Sonntag 23:41 Uhr
WhatsApp Lerngruppe: »Wann treffen wir uns morgen früh? ich kann ab 8« · Jetzt
Uni-Mail Prof. Hartmann: Änderung der Abgabefrist – bitte lesen · 23:18
Instagram Mia, Felix und 9 weitere haben Stories gepostet · 22:50
Snapchat Dein Streak mit Anna läuft in 1 Stunde ab · 22:30
Jede dieser Benachrichtigungen, egal ob Lerngruppen-Koordination um 23 Uhr oder die Benachrichtigung einer Influencerin, die man eigentlich gar nicht kennt, löst im Gehirn denselben Mechanismus aus. Jede Benachrichtigung bedeutet kurz Aufmerksamkeit. Kurz dieses Gefühl von: Ich muss noch reagieren.
Eigentlich ist Cortisol dafür gedacht, uns in echten Stresssituationen wach zu machen. Bei einem Unfall oder dem möglichen Angriff eines Säbelzahntigers. Der Körper unterscheidet nicht sonderlich fein, ob sich nur eine Abgabefrist verschoben hat. Im Einzelfall harmlos. Als Dauerzustand doch irgendwie erschöpfend.
Und dieser Dauerzustand tarnt sich als Normalität. Man fühlt sich beschäftigt. Involviert. Man ist einfach dabei. Bei allem, gleichzeitig, die ganze Zeit. Was sich erst im Nachhinein, meistens irgendwo zwischen Sonntagnachmittag und Montagmorgen, als leises Erschöpftsein bemerkbar macht, ohne dass man genau sagen könnte, wofür.
Timos Mittwoch:
07:08: Erster Griff zum Handy, noch im Bett. Mail gecheckt. Social Media gecheckt. Keine relevanten Infos. Trotzdem 22 Minuten auf dem Bildschirm verbracht.
10:30: Vorlesung. Handy auf dem Tisch, Display nach unten. Zweimal trotzdem kurz geschaut. »Nur falls die Gruppe was schreibt.«
13:15: Mittagspause in der Mensa, allein. Statt Pause: Instagram, dann die Storys der anderen. Danach irgendwie schlechter drauf als vorher.
19:40: Lerngruppe per Video-Call. Eigentlich bis 21 Uhr geplant. Danach noch 40 Minuten Nachrichten beantwortet. Wann war das eigentlich Freizeit?
23:55: Letzte Kontrolle vor dem Schlafen. »Nur kurz.« Eingeschlafen um 01:17 Uhr.
Zwischendurch am Tag natürlich aber auch etliche Pausen und Fahrten auf TikTok verbracht.
Fragt man Timo, ob er gestresst sei, sagt er: »Naja, ist halt so.«
Die Forschung ist aber weniger entspannt als Timo. Studis gehören zu den am stärksten psychisch belasteten Gruppen aktuell, denn Angststörungen und Schlafprobleme haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Offensichtliche Ursachen sind zum Beispiel Leistungsdruck, Wohnungsnot, oder eine Zukunft, die sich nicht so richtig festlegen will. Permanente Erreichbarkeit ist dabei der stille Verstärker, der gleichzeitig am wenigsten thematisiert wird, weil er so selbstverständlich geworden ist wie schlechtes WLAN in der Bib.
Nicht laut genug, um als Problem erkannt zu werden.
Aber konstant genug, um Energie zu ziehen.
Knapp vier Stunden tägliche Bildschirmzeit am Smartphone bei jungen Menschen. Spürbare Beeinträchtigungen in den Bereichen Schlafqualität, Konzentration, Freizeit und Soziales Wohlbefinden.
Dabei kennt Gen Z es doch gar nicht mehr anders. Erreichbarkeitsverhalten ist gelernt, und die Fähigkeit, sich menschlich zu langweilen, wurde seit langem nicht mehr wirklich trainiert. Es ist stattdessen immer etwas. Immer jemand. Immer irgendwo online. Die Stille hat sich nicht gehalten.
Erreichbar sein ist keine Entscheidung mehr, sondern eher die Grundeinstellung. Es gibt immer noch etwas zu beantworten. Immer jemanden zu erreichen. Immer etwas zu sehen. Eine Welt ohne eingebaute Pausen kennt auch keine Anleitung, wie man sich selbst welche schafft. Und der gut gemeinte Hinweis, doch einfach mal das Handy wegzulegen, scheitert an dem Detail, dass auf diesem Handy auch Uni-Projekte, Freunde und Nebenjob liegen.
Doch daran wird sich so schnell nichts ändern. Nicht, weil die Generation zu bequem wäre, es zu versuchen, sondern weil die Strukturen, in denen sie sich bewegt, Verfügbarkeit voraussetzen.
Unis haben keine Kernzeiten. Lerngruppen keine Geschäftsordnung. Sprechstunden werden kurzfristig per Mail verschoben. Der Chef meldet sich (nur ganz kurz) privat auf WhatsApp. Tägliche Entwicklungen im Netz, die man irgendwie auch nicht verpassen will. Und solange das so bleibt, ist Unerreichbarkeit keine Disziplin, sondern ein Luxus, den man sich gönnen muss.
Und eigentlich weiß man doch, was man tun müsste. Benachrichtigungen ausschalten, das Telefon nachts aus dem Schlafzimmer verbannen, Grenzen kommunizieren. All das steht in den Ratgebern, die man auf dem Smartphone liest, während man die Ratschläge konsequent ignoriert. Aber vielleicht sollte man sich doch manchmal in Erinnerung rufen: Das Handy darf auch mal still sein. Der Mensch dahinter darf das auch.
Timo ist erfunden. Aber er sitzt in jedem Hörsaal.
