Ab wann fühlen wir Pre-AI-Nostalgie?

Und wann fangen wir an, das Internet von vorgestern zu vermissen?

Es gibt diese Momente, kurz vor der wichtigsten Abgabe des Semesters, an denen man Claude, Chat und Gemini jegliches Wissen entlockt hat, und kurz bevor man fertig wird, kommt die Nachricht, dass der Chat jetzt voll ist und man für die weitere Nutzung jetzt ein Pro-Modell abschließen muss.
8 €, die auch für den nächsten Matcha hätten draufgehen können, aber das Projekt zu finalisieren, ohne die letzte Einschätzung der KI, ist irgendwie auch unvorstellbar.

Und es gibt diese Momente, kurz vor dem Kauf des nächsten Pro-Modells, in denen man sich fragt, was man ohne KI eigentlich noch kann, und wie schnell sich doch alles gedreht hat, und plötzlich überkommt einen ein Gefühl, für das es eigentlich noch gar keinen Namen geben dürfte. Nostalgie. Für eine Zeit, die gerade mal fünf bis sechs Jahre her ist.

Nostalgie hat sich das Tempo eines Software-Updates angeeignet.

Früher war Nostalgie eine Sache der Generationen. Die Boomer schwärmten von Vinyl und Röhrenfernsehern, Millennials von Nokia-Klapphandys und Klingeltönen. Das brauchte Zeit, ganze Jahrzehnte, um zu reifen. Gen Z hat diesen Prozess beschleunigt. Wir sind nostalgisch nach TikTok-Trends von vor zwei Jahren, und jetzt eben nach einem Internet, wo man noch Links öffnen musste, ehe Google KI die Top-Treffer zusammengefasst hat, und in dem man noch nicht bei jedem Text, jedem Bild, jeder Sprachnachricht kurz innehalten musste mit der Frage „Ist das KI?“.

Die Frage allein ist der eigentliche Bruch. Der Verdacht, das Misstrauen als Grundeinstellung, das sich im Alltag integriert hat.

Die Bewerbung, die man mit Herzblut (und Hilfe von Chat) geschrieben hat, landet neben zwanzig anderen, die in vierzig Sekunden generiert wurden, und die Person, die sie liest, kann den Unterschied oft nicht mehr erkennen. Das Match auf der Dating-App schreibt Nachrichten, die verdächtig druckreif klingen, und selbst die Absage der Freundin, dass das mit dem Kaffee diese Woche leider doch nichts wird, hat plötzlich richtige Groß- und Kleinschreibung sowie Kommasetzung.

Diese ständige Verifizierungsarbeit auf die Frage „Ist das KI?“ ist anstrengend. Und deshalb schleicht sich die Sehnsucht nach „davor“ ein. Ein blurry Foto war einfach ein blurry Foto. Eine schlechte Bewerbung war einfach eine schlechte Bewerbung. Authentizität war der Standard-Zustand, nicht eine Sache, die man erst beweisen musste.

Doch nicht nur die konsumierten Inhalte haben sich durch KI maßgeblich verändert. Irgendwo vermisst man auch mal kurz nicht weiterzukommen bei einer Aufgabe, mal kurz wirklich nachdenken zu müssen und manche Ergebnisse auch mal falsch zu haben. Denn mittlerweile ist „Mal kurz Chat fragen“ einfacher, als die 4-Zeilen-E-Mail noch selber zu schreiben.

Doch ab wann fühlt man diese Nostalgie?
Es gibt keinen Stichtag, an dem man offiziell „Pre-AI-nostalgisch“ ist. Es ist eher ein schleichender Prozess mit ein paar Trigger-Momenten:
Der erste Moment, in dem man ein Bild nicht mehr eindeutig zuordnen konnte: Echt oder KI? Und man merkt, dass man das zum ersten Mal überhaupt fragen musste.
Der erste Moment, in dem man ein KI-Video nicht als solches erkannt hat und gemerkt hat: „Mist, das passiert doch nicht nur meinen Eltern.“ (Erinnert ihr euch an diese Hasen auf dem Trampolin?)
Der erste Chat mit einem Kundenservice, bei dem man sich fragt sind die doofen Antworten KI, oder braucht hier wer dringend Feierabend?
Der Moment im Bewerbungsprozess, in dem die erste Runde aus einem KI-Bewerbungsgespräch bestand.
Der Moment, wo jegliche Recherche im Job mit „Frag einfach Chatty“ ersetzt wird, obwohl die ganze Schulzeit über Wikipedia nicht als valide Quelle galt. Das ist eine Wendung, die so jetzt nicht direkt erwartbar war.

Jeder dieser Momente ist klein für sich. Zusammengenommen ergeben sie aber genug Reibung im Alltag, dass die Erinnerung an „einfachere“ Zeiten vor drei Jahren plötzlich glänzt wie das gute alte analoge Zeitalter.

Warum fühlt es sich so an, als würde das besonders junge Erwachsene treffen?
Wer gerade in seinen Zwanzigern steckt, baut in dieser Phase eigentlich zum ersten Mal ernsthaft Vertrauen auf: in den eigenen Marktwert, in Beziehungen, in die eigene Stimme. Genau in diese ohnehin wacklige Phase platzt jetzt eine Technologie, die diese drei Dinge in Frage stellt: Ob die eigene Arbeit noch gebraucht wird, ob das Gegenüber online echt ist, ob die eigene Kreativität noch etwas wert ist, wenn sie in Sekunden imitierbar ist. Damit bringt das Erinnern an „früher“ einfach eine Sehnsucht nach weniger Fragezeichen hoch.

Und jetzt?
Vielleicht ist die eigentliche Aufgabe unserer Generation nicht, das Pre-AI-Internet zurückzuholen, denn das wird nicht passieren. Sondern neue Wege zu finden, Echtheit sichtbar zu machen, ohne dass sie sich wie Beweislast anfühlt. Ein verwackeltes Foto, eine handschriftliche Notiz, eine fehlerhafte Mail.

Nostalgie ist am Ende immer eine Frage danach, was uns gerade fehlt. Und was uns gerade fehlt, ist nicht 2019. Es ist die Gewissheit, dass das, was wir sehen, lesen und fühlen, auch wirklich von jemandem gemeint war.