Stehplatz statt Sommerurlaub
Früher kostete ein Arena-Ticket 80 Euro. Heute zahlt man diesen Preis für einen Stehplatz weit hinten, irgendwo zwischen der Toilette und dem Bierstand. Wie die Musikbranche Kultur in ein Premiumprodukt verwandelt hat und zu der Frage, ob Live-Musik noch für alle da ist.
5 Tage vor dem offiziellen Verkaufsstart der neuen Tour-Tickets startet der Pre-Sale. Für einen selber aber nur, wenn man bei einer bestimmten Bank Kunde ist oder vorher noch 3 neue Verträge abschließen will, denn ohne Zugangscode geht da nichts, ist ja klar.
11:59 Uhr. Noch eine Minute. Einmal kurz die Seite aktualisieren? Oder lieber erst um Punkt 12? Oder sich jetzt schon mit dem Mythos abfinden, dass manche Ticketmaster-Accounts offenbar von Geburt an bevorzugt werden, und die Tour halt auf Instagram verfolgen?
Man loggt sich ein. Man wartet. Platz 120.000 in der Warteschlange. Ist das jetzt gut, oder kann ich es gleich lassen? Und wenn man endlich drankommt, ist der Preis ein anderer als der, mit dem man sich abgefunden hatte. Der Preis, den der Algorithmus gerade für deine Verzweiflung berechnet hat. Das Ticket kostet jetzt das Doppelte. Man klickt trotzdem, oder man schaut auf sein Konto und schließt das Fenster, weil die 245 € für das einzig verfügbare (Ultra-Golden-Circle) Ticket dann doch etwas zu viel sind.
Der Preis eines Tickets ist keine feste Größe mehr, sondern eine Zahl, die sich bewegt, je nachdem zu welchem Zeitpunkt eins deiner drei vorbereiteten Endgeräte dich auf die Ticketseite durch lässt, und bestimmt durch Dynamic Pricing. Es gibt keinen Festpreis, stattdessen passt ein Algorithmus den Ticketpreis an die Nachfrage an. Je mehr Menschen wollen, desto mehr zahlen alle. Ticketmaster setzt das in Deutschland seit 2018 ein und hat damit vor allem eins verändert: Den Gedanken, dass ein Konzert ein zugängliches Kulturerlebnis sein sollte.
Dabei wird die eigene Logistik und Infrastruktur für ein Konzert auch immer teurer. Früher tourten Sängerinnen und Sänger durch unterschiedlichste Städte und Länder. Der Künstler kam zu seinen Fans. Heute ist es andersrum. Adele erbaut ADELE World in München, Harry Styles spielt dreißig Nächte in New York. Die Show wird zum Fixpunkt und zum Pilgerort der Fans. Wer dabei sein will, plant eine Reise, bucht ein Hotel, nimmt sich frei. Und plötzlich ist ein Abend mit Taylor Swift auch ein Wochenendtrip nach London. Praktisch für den Künstler. Romantisch für die Fans. Und finanziell ungefähr so entspannt, wie der Ikea-Trip, bei dem man eigentlich wirklich nur eine Kerze kaufen wollte.
Der Marktpreis ist das, was du bereit bist zu zahlen. Aber Bereitschaft und Fähigkeit sind nicht dasselbe. Wer 200 Euro als bezahlbar empfindet, steht drinnen. Wer dafür drei Wochen einkaufen könnte, steht draußen auf dem Olympiaberg und redet sich ein, dass die frische Luft eigentlich auch schön ist. Dabei war das Konzert mal ein Ort ohne Eintrittsbedingungen, und wie weit vorne man stand, hing davon ab, ab wann man angestanden hat. Nicht wie viel man zahlen konnte. Die Musik war der Türsteher, und der ließ jeden rein.
Künstler, die Tickets hingegen günstig anbieten, werden dafür teilweise genauso bestraft. Denn was für 50 Euro in den Verkauf geht, landet zwanzig Minuten später für 150 Euro auf Ebay. Gut gemeint und gut verdient von jemand anderem. Das System scheint also kaputt, aber immerhin konsequent: Ticketanbieter maximieren ihren Gewinn, Stars maximieren ihren Gewinn, der Zweitmarkt maximiert seinen Gewinn. Alle ziehen an einem Strang, alle in die gleiche Richtung, weg vom Fan. Der hat in der Zeit zwei Stunden in der virtuellen Warteschlange verbracht, um am Ende festzustellen: Kann ich mir eigentlich nicht leisten.
Und trotzdem kauft man. Man rechtfertigt es sich selbst gegenüber mit einer Mischung aus “YOLO“ und dem vagen Gefühl, dass man das irgendwie braucht. Für ein paar wenige Stunden und zwei Stories, die in den Highlights verewigt werden. Durch das Bewusstsein, dass diese Momente nicht wiederholbar sind. Der Anblick der Bühne, die Lautstärke, die zehntausend Menschen, die gleichzeitig dieselbe Zeile mitsingen, und von denen mindestens die Hälfte den Text nur halb kennt, weil das Lied vorher dreimal gehört wurde, um vorbereitet zu sein.
Wenn ein Konzert zum Statusgut wird, entscheidet nicht mehr nur Begeisterung, wer dabei ist. Musik brachte Menschen zusammen, die sonst nichts teilten. Und wenn das wegfällt, bleibt ein sehr teures Erlebnis für diejenigen, die es sich leisten können, und ein Spotify-Abo für alle anderen. Immerhin werbefrei, wenn man zahlt.
